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Saturday, 11 April 2020

Niall Ferguson's sechs Fragen an den chinesischen Präsidenten

Neue Zürcher Zeitung Titel: Sechs unangenehme (aber unabdingbare) Fragen an Xi Jinping, den Generalsekretär des Einparteistaats China

Neue Zürcher Zeitung Untertitel: Wenn Donald Trump vom chinesischen Virus spricht, dann tut er dies mit gutem Grund. In China ist es entstanden, China hat es zunächst vertuscht, und nun will China der Welt dabei helfen, das Virus zu bekämpfen. Was geschieht da genau?

Autor: Niall Ferguson (homepage, Wiki)

Datum: 6 April 2020


"In Liu Cixins aussergewöhnlichem Science-Fiction-Roman «Die drei Sonnen» erzeugt China eine existenzielle Gefahr für die Menschheit, die es dann erfindungsreich beseitigt. Ich weiss noch, dass ich die Story, als ich sie letztes Jahr gelesen habe, zunächst befremdlich fand. Es geht um einen chinesischen Wissenschafter, der dem feindlichen Planeten Solaris die Position der Erde verrät, doch ein anderer Wissenschafter vereitelt die trisolarische Invasion und rettet die Welt.

Das läuft anders ab als in den Sci-Fi-Plots der modernen westlichen Literatur. Dort stellen die bösen Jungs (die Deutschen, die Russen, die Chinesen oder einfach die Ausserirdischen) schlimme Dinge an, worauf die guten Jungs (die sprechen Englisch) die Welt retten. Bei der Lektüre von «Die drei Sonnen» lernte ich, dass China in dieser Hinsicht (wie in so vielen anderen Dingen) anders tickt. Für China ist es in Ordnung, die Welt zuerst zu linken, um sie danach zu retten.

Die reale Gefahr für die Menschheit, mit der wir heute konfrontiert sind, ist selbstverständlich keine Invasion von Ausserirdischen. Das Coronavirus Sars-CoV-2 kommt nicht aus dem Weltraum, obwohl es mit den Trisolariern den Impuls gemeinsam hat, uns zu kolonisieren. Tatsache ist aber, dass der erste Fall von Covid-19 in China aufgetreten ist – so, wie die ersten Botschaften an Trisolaris von China aus gesendet worden sind.

Stimmt schon: «das chinesische Virus»

Wer in unserer heutigen dekadenten Obsession mit kultureller Inklusion und Empfindsamkeit gefangen ist, dürfte die Tatsache nicht mögen, dass Donald Trump vom «chinesischen Virus» spricht. Doch Trump nennt es nicht zu Unrecht so – ebenso wie Menschen im Jahre 1968 guten Grund hatten, die Influenza A (H3N2) als «Hongkong-Grippe» zu bezeichnen, weil in Hongkong der erste Fall verzeichnet worden war.

Wie in «Die drei Sonnen» hat China diese Katastrophe hervorgebracht, will nun aber das Verdienst für sich beanspruchen, uns davor zu retten. Die chinesische Regierung exportiert freizügig Test-Kits (von denen manche nicht funktionieren) und Gesichtsmasken (wovon die meisten wahrscheinlich funktionieren, auch wenn ich unsere aus Taiwan beziehe, vielen Dank auch) und beabsichtigt so, den Sieg aus den Fängen einer Niederlage zu reissen, die es selbst verursacht hat.


Und nicht nur das – der Vizedirektor der Informationsabteilung im chinesischen Aussenministerium hatte die Chuzpe, eine Verschwörungstheorie zu stützen, die besagt, dass das Virus aus Amerika stamme. Am 12. März twitterte Zhao Lijian: «Es könnte die US-Armee gewesen sein, die die Epidemie nach Wuhan gebracht hat.» Zhao teilte auch einen Tweet, in dem behauptet wurde, ein amerikanisches Team könnte das Virus eingeschleppt haben, als es im Oktober an den Militärweltspielen in Wuhan teilnahm.

Verrückte Schlagzeilen

Das Schlimmste daran ist, dass manche Leute in der westlichen Welt durch Trumps Umnachtungssyndrom so verwirrt, durch chinesisches Geld so korrumpiert oder im Fall Italiens durch die nicht gerade altruistischen Reaktionen ihrer Miteuropäer so desillusioniert sind, dass sie diesen toxischen Strom der Heuchelei und Verlogenheit tatsächlich schlucken. Gab es in diesem Jahr etwas noch Dümmeres als die Februar-Kampagne des Bürgermeisters von Florenz unter dem Motto «Umarme einen Chinesen»?

Wer eine Ahnung von der Linie der Kommunistischen Partei Chinas bekommen will, sollte einfach einmal einen Blick auf die Schlagzeilen in «China Daily» vom letzten Freitag werfen: «Bekämpfung von Covid-19 auf die chinesische Art», «Chinesische Hochtechnologie hilft der Welt bei der Bekämpfung der Pandemie», «Die Nation nutzt technisches Können, um der Welt beim Kampf gegen das Virus zu helfen», «Die Stigmatisierung Pekings wird Washington nicht helfen», «USA drücken sich mit heftigem Fingerzeigen auf andere vor der Verantwortung».

Und mein Favorit: «Xi pflanzt Bäume in Peking; er verlangt Respekt für die Natur». Respekt für die Natur? Lasst uns versuchen, wieder zur Vernunft zu kommen – mit sechs Fragen, die wir Xi Jinping stellen, wenn wir uns das nächste Mal per Zoom, Facetime, Google Hangout oder WeChat an ihn wenden.

Sechs entscheidende Fragen

Erstens: Was genau war in Wuhan der Grund für das erstmalige Auftreten von Sars-CoV-2? Falls das Virus von einer Fledermaus auf einem der ekligen «Wet Markets» (wo für den Verzehr durch Menschen bestimmte Wildtiere neben Hühnern und Rindfleisch angeboten werden) stammte, den Ihr Regime unerklärlicherweise nicht geschlossen hat, ist das schlimm genug. Wenn es jedoch aufgrund schlampiger Praktiken an der Wuhaner Zweigstelle des Chinesischen Zentrums für Seuchenkontrolle und -prävention zustande kam, ist das noch schlimmer. Es ist schlicht verrückt, die Forschung an potenziell tödlichen Zoonosen wie dem Coronavirus mitten in einer riesigen Metropole wie Wuhan zu betreiben.

Zweitens: Wie gross war die Rolle, die die Zentralregierung bei der Vertuschung gespielt hat, nachdem in Wuhan klargeworden war, dass es eine Übertragung von Mensch zu Mensch gab? Wir wissen inzwischen, dass es zwischen dem 12. Dezember und dem Ende des Monats 104 Fälle der neuen Krankheit mit vier Toten gab. Warum vertrat China am 31. Dezember offiziell die Aussage, es gebe «keine klaren Beweise» für eine Übertragung von Mensch zu Mensch? Und warum wurde diese offizielle Richtlinie bis zum 20. Januar nicht geändert?

Drittens: Warum haben Sie, nachdem klargeworden war, dass sich von Wuhan aus eine voll ausgeprägte Epidemie in die übrige Provinz Hubei ausbreitete, den Verkehr von Hubei in das übrige China – am 23. Januar – eingestellt, aber nicht von Hubei in die Welt? Wegen des Feiertags zum Mond-Neujahr ist der Januar immer ein Spitzenmonat für Reisen von China nach Europa und Amerika. Soweit ich das nach den verfügbaren Berichten angeben kann, gab es den ganzen Januar hindurch und in einigen Fällen bis in den Februar hinein fortwährend direkte Linienflüge von Wuhan nach London, Paris, Rom, New York und San Francisco. Nun, da Covid-19 sich weltweit ausbreitet, haben sie keine Zeit verloren und den internationalen Verkehr nach China eingeschränkt; Ihr Ansatz war auffallend anders, als Sie die Krankheit zu uns exportiert haben.

Viertens: Was hat den Sprecher Ihres Aussenministeriums umgetrieben, als er anfing, in den sozialen Netzwerken mit einer offenkundig falschen Verschwörungstheorie hausieren zu gehen, und warum hat man ihn nicht entlassen? Selbst Ihr Botschafter in Amerika bestritt diese Fake-News. Wir werden mit Interesse beobachten, welcher dieser Diplomaten von Ihnen gestützt wird.

Fünftens: Wo sind eigentlich der Tycoon Ren Zhiqiang und die Wuhaner Ärztin Ai Fen – um nur zwei der chinesischen Bürger zu nennen, die anscheinend verschwunden sind, seit sie Kritik am Umgang Ihrer Regierung mit Covid-19 geäussert haben?

Und zum Schluss: Wie viele Menschen Ihres Volkes wurden tatsächlich durch diese Krankheit getötet?

Was folgt daraus?

Ich erwarte jetzt keine ehrlichen Antworten auf diese Fragen – ebenso wenig, wie wir von der sowjetischen Kommunistischen Partei nach Tschernobyl ehrliche Antworten erwartet haben. Ich glaube aber, wir müssen sie ständig weiter fragen, und sei es nur, um uns selbst gegen diese andere Virusart zu impfen, die derzeit von China ausgeht – wie die Desinformation via Internet zu verbreiten ist, hat Xi von seinem russischen Kumpel Wladimir Putin gelernt.

China hat ein Problem. Dabei geht es nicht um das Drei-Körper-Problem aus dem brillanten Roman «Die drei Sonnen», mit dem wir daran erinnert werden, dass das chinesische Volk zu grossartiger Literatur fähig ist, wie auch chinesische Forscher zu grossartiger Wissenschaft fähig sind.

Das galt auch für das russische Volk unter dem Kommunismus. Chinas Problem ist – wie das Russlands vor 1991 – das «Ein-Partei-Problem». Und solange ein Fünftel der Menschheit dem Willen einer verantwortungslosen, korrupten und machthungrigen Organisation mit einer langen Geschichte von Verbrechen gegen das eigene Volk unterworfen ist, wird auch die übrige Menschheit nicht sicher sein.
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Niall Ferguson ist Senior Fellow am Zentrum für europäische Studien in Harvard und forscht gegenwärtig als Milbank Family Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien. Der obenstehende Essay ist eine Kolumne, die Ferguson für die britische «Sunday Times» verfasst hat – sie erscheint hier exklusiv im deutschen Sprachraum. Wir danken der «Sunday Times» für die Möglichkeit des Wiederabdrucks. – Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Reuter.

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